OT:
Westfront 1918
Jahr: D 1930
R: G.W. Pabst
B: Ladislaus Vajda, Peter Martin Lampel
K: Fritz Arno Wagner, Charles Métain
M: Alexander László
D: Gustav Diessl, Fritz Kampers, Hans Joachim Moebis, Claus Clausen
Quelle: Youtube (Kanal Lost in Time)
1918, kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs, liegen Karl (Gustav Diessl) und seine drei Kameraden (Fritz Kampers, Hans Joachim Moebis, Gustav Püttjer) als Infanteristen an der Westfront, irgendwo in Frankreich. Der Kriegsalltag besteht aus ständigem Artilleriebeschuss, gelegentlichen Grabenkämpfen oder selbstmörderischen Stoßtruppunternehmen und Meldegängen. Abwechslung bringen nur gelegentliche Aufenthalte in der Etappe und die regelmäßige Einkehr bei einem französischen Bauern und seiner Tochter Yvette (Jackie Monnier).
Als Karl Heimaturlaub bekommt, muss er erkennen, dass auch zuhause das nackte Elend herrscht. Die meisten Menschen hungern und müssen stundenlang anstehen nach streng rationierten Lebensmitteln, um dann am Ende doch leer auszugehen. Karls Ehegespons (Hanna Hoessrich) hat sich aus Not und Einsamkeit mit einem Metzgergesellen (Carl Ballhaus) eingelassen. Diese Verfehlung kann der Gehörnte nicht verzeihen und ist am Ende sogar froh, wieder zurück in die Blutmühle zu kommen. Hier steht die nächste französische Offensive an.
Zitate:
Leutnant (Claus Clausen): „„Wissen Sie: Ich schick die Leute gar nicht mal gern auf Urlaub. Nachher versauen die hier bloß die Stimmung.“
Der Hamburger (Gustav Püttjer): „Reiß dich zusammen, Mensch. Wir sind doch Helden.“ – Der Bayer (Fritz Kampers): „Wenn wir Helden wären, dann wären wir schon längst daheim.“
Die Kritik des Gunslingers:
G.W. Pabsts Streifen ist einer der wenigen, die das Prädikat Antikriegsfilm tatsächlich auch verdienen. Der Film ist ohne Schnickschnack und packende Kriegsaction inszeniert. Fast dokumentarisch nüchtern reiht er einzelne Ereignisse aneinander. Ein Szenenwechsel wird durch eine kurze Schwarzblende eingeleitet.
Hier feiert nicht das Heldentum, sondern die Monotonie des Schlachthauses fröhliche Urständ‘. Jeder Tag im Schützengraben ist entsetzlich gleich. Nahezu ununterbrochen regnet es Granaten nieder, ab und zu gefolgt von einem französischen Angriff. Pabst nutzt die Kraft des erst rund ein Jahr zuvor eingeführten Tonfilms und kreiert eine brodelnde Symphonie des Wahnsinns, instrumentiert durch Kanonen und Maschinengewehre. Das Land ist eine gesichtslose Wüstenei, von Stacheldrahtverhauen und Granattrichtern überzogen. Es geht nicht um Sieg oder Niederlage, sondern nur darum, sich nicht als Nächster in das wachsende Heer der Kalten einzureihen. Das Kriegsgeschehen ist ein sinnentleertes Vor und Zurück. Der Tod kommt anonym: Die Toten finden ihre letzte Ruhestätte in Granattrichtern oder Massengräbern. Prasselt mal kein Artilleriefeuer nieder, hat man wenigstens Zeit, sich um die Läuse zu kümmern.
Der Film arbeitet seine Hauptfiguren kaum aus. Er gönnt ihnen noch nicht einmal Namen: Sie heißen „Der Bayer“, „Der Hamburger“ oder „Der Student“ (Moebis). Durch diese weitere Anonymisierung schafft er eine Allgemeingültigkeit des Elends. Lediglich über Karl erfahren wir ein wenig mehr, um so die katastrophale Situation in der Heimat im letzten Kriegsjahr einzubringen. Am heftigsten wird‘s gegen Ende, als der Schauplatz aus dem Schützengraben in das Feldlazarett wechselt. Hier wird unter anderem „Der Leutnant“ eingeliefert, Karls Vorgesetzter. Zermürbt und wahnsinnig geworden durch den letzten, durch Tanks unterstützten französischen Angriff, kann er nicht mehr aufhören, „Hurra!“ zu schreien. Es herrscht ein ohrenbetäubender Lärm von Schreien, Stöhnen und Beten. Ähnlich dem ununterbrochenen Artillerie- und Schusswaffengetöse des Schlachtfelds. Mittendrin ausgelaugte Ärzte, die Gliedmaßen amputieren.
Da dem Film jegliches Heroische abgeht, wurde er nach der Machtübernahme der Nazis auch im Handumdrehen verboten. Produktionsfirma war die Nero-Film, die einen strikt antinationalsozialistischen Kurs fuhr. Sie hatte unter anderem „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ und „Die Dreigroschenoper“ produziert. Wenig verwunderlich, dass sie nach 1933 ihren Geschäftsbetrieb einstellen musste.
Rating: $$$$
Splatter: 1/10












